Daniel Glattauer – “Gut gegen Nordwind” & „Alle sieben Wellen“

8 01 2013

nordwind

Durch einen Tippfehler in der Empfängerzeile einer Email, mit der Emmi Rothner eigentlich ein Zeitschriftenabo kündigen wollte, landet ihre Nachricht unbeabsichtigt bei dem Unbekannten Leo – der ihr freundlicherweise zurückschreibt und sie auf Ihren Irrtum aufmerksam macht. Unbedarft entspinnt sich zwischen diesen beiden sich gegenseitig unbekannten Menschen ein Emailwechsel, immer tiefgründiger werden die Themen, von denen sie sich berichten, immer näher kommen sie sich und tauschen verbale Zärtlichkeiten aus. Nach vielen endlosen Emails und vielen gemeinsamen Nächten vor dem Computer ist beiden klar: man sollte sich einmal persönlich kennenlernen. Doch ist das wirklich eine gute Idee…?

„Gut gegen Nordwind“ ist ein unglaublich poetischer und mitreißender Briefwechsel zweier Menschen, die jeweils auf ihre ganz individuelle Art und Weise einsam sind. Es ist das Portrait zweier Menschen, die sich gerade durch die Anonymität dazu in der Lage sind, ihr wahres Gesicht zu zeigen und Ihre Gefühle zu offenbaren. Selbst der härteste Romantikverweigerer wünscht sich nach so vielen emotionalen Schriftwechseln nur noch, dass sich die beiden Protagonisten endlich hinter ihren Computermonitoren hervortrauen, sich endlich persönlich treffen und sich in die Arme fallen mögen…
Doch genau in dieses Schmalz-Fettnäpfchen tritt der österreichische Autor Glattauer nicht.
Und so nimmt „Gut gegen Nordwind“ nicht unbedingt ein Happy-End im klassischen Sinne.

Das reichte vielen Fans des Buches wohl jedoch nicht, denn schon bald erblickte die Fortsetzung „Alle sieben Wellen“ das Licht der Buchhandlungen. Ob man wirklich wissen will, wie die Geschichte weitergeht, sollte jeder für sich selber entscheiden, ich persönlich fand den Nachfolger sehr gelungen und er reihte sich in Sachen Feinsinnigkeit, Poesie und Überraschungsmoment nahtlos an den Vorgänger an.

Absolut ungewöhnlich, sprachlich erfrischend und sehr empfehlendswert!

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Carlos Ruiz Zafón – “das Spiel des Engels”

29 12 2012

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Nach „der Schatten des Windes“, das mich sehr begeistert hatte, war ich gespannt auf das nächste Werk von Zafón, hatte er doch die Messlatte im ersten Buch schon recht hoch gelegt.
Wieder dient das Barcelona um die Jahrhundertwende als Schauplatz, wieder einmal geht es um geheimnisvolle Bücher und Schriftsteller und um Geschichten, die ihre Leser nicht nur in den Bann ziehen, sondern ihr ganzes Leben verändern.

„Das Spiel des Engels“ wartet mit einer ähnlichen düsteren und melancholischen Atmosphäre auf:
David Martín schreibt Fortsetzungsromane für eine Regionalzeitung. Diese sind zwar sehr erfolgreich, aber keine Erfüllung für den jungen Martìn. Sein Freund und Buchhändler Sempere nimmt ihn eines Tages mit zu dem schon aus „der Schatten des Windes“ bekannten Friedhof der vergessenen Bücher. Und plötzlich erhält David Martín den Auftrag seines Lebens von einem etwas unheimlich wirkenden Verleger, für den Geld scheinbar keine Rolle spielt…

Auch wenn Zafon mit diesem Roman scheinbar krampfhaft an die Klasse des Vorgängers anknüpfen möchte, gelingt es ihm einfach nicht. Die Charaktere bleiben eindimensional und lieblos gezeichnet, die Story verstrickt sich in unschlüssige und verwirrende Handlungsstränge und wirken, als hätte der Autor keine Zeit mehr gehabt, sie zuende zu denken. Zusehr wirkt „das Spiel des Engels“ wie ein an den Haaren herbeigezogener zweiter Aufguss vom „Schatten des Windes“.
Wer vom Vorgänger begeistert war, sollte sich dieses Werk (er)sparen.





Markus Seidel – “Und alle Zeit der Welt”

5 12 2012

undallezeitderwelt

Manchmal kaufe ich Bücher – besonders auf Flohmärkten – ohne wirklich jemals etwas von ihnen gehört zu haben oder irgendwas über die Story zu wissen. Etwas an ihnen macht mich neugierig und ich stürze mich völlig unvoreingenommen in ein Wundertüten-Lesevergnügen. Manchmal habe ich Glück, manchmal eher weniger…
„Und alle Zeit der Welt“ war so ein Wundertütenbuch:

Markus lebt in Hannover, studiert und ist heimlich in Katharina verliebt. Als er ihr seine Liebe gesteht und von ihr brüsk zurückgewiesen wird, entschließt sich Markus, mit zwei Freunden zu der Hochzeit einer alten Bekannten nach Hamburg zu fahren um sich von seinem Herzschmerz abzulenken.
Mehr passiert auch nicht.
In epischer Breite werden alltägliche bis nichtssagende Szenarien bis ins Kleinste geschildert. Zwar besitzen sämtliche Charaktere einen interessanten Tiefgang, durch die plätschernde und vorhersehbare Handlung gerät dies aber schnell in den Hintergrund.
Schade eigentlich, denn die Pointe zum Schluss des Buches (die ich hier nicht verraten möchte) ist wirklich super. Da hätte man doch mehr draus machen können…? So war „Und alle Zeit der Welt“ leider ein literarischer Rohrkrepierer und hat mich im Großen und Ganzen irgendwie nur gelangweilt…





Yann Martel – “Schiffbruch mit Tiger”

2 12 2012

schiffbruch_mit_tiger
Dieses Buch habe ich nun schon seit einer ganzen Weile ausgelesen, doch etwas darüber zu sagen oder zu schreiben fiel mir bisher schwer. Denn „Schiffbruch mit Tiger“ ist eine Geschichte, die durchaus im Kopfe des Lesers nachwirkt und -reift.

Mit dem Titel des Buches ist die Handlung eigentlich auch schon erklärt:
Der religiöse Pi Patel wächst in Indien als Sohn eines Zoodirektors auf. Als sein Vater beschließt, mit seiner Familie und einigen der Zootiere nach Kanada auszuwandern, erleidet der Frachter, der die Familie in die neue Heimat bringen soll, Schiffbruch und sinkt. Und schon bald findet sich Pi allein mit einem bengalischen Tiger namens Richard Parker als einziger Überlebender in einem Rettungsboot auf den Weiten des Meeres wieder und eine abenteuerliche Reise beginnt…
Den Gefahren des endlosen Ozeans in der Einsamkeit ausgesetzt und in der Gewissheit, seine komplette Familie verloren zu haben, schwankt Pi auf seiner unglaublichen Odyssee zwischen Glaube, Hoffnung und Resignation. Und obwohl die Geschichte streckenweise während des Lesens recht langatmig wirkt, hinterlässt „Schiffbruch mit Tiger“ ein durch und durch positives Gefühl und liefert dem Leser unheimlich viel Stoff zum Nachdenken, denn hier ist der Weg das Ziel. Philosophische und religiöse Denkansätze reihen sich an phantasievolle Schilderungen und der sprachliche Reichtum und die Kunst des Erzählens, die bei diesem Roman durchaus noch existiert, machen das Lesen zu einer Freude.

Je länger das Buch in meinen Gedanken nachreift, umso mehr mag ich es. Und ich denke, dass es sich hierbei um eines der Bücher handelt, die man zweimal lesen muss, um sie wirklich zu verstehen und in ihrer Gänze zu erfassen.

Ende diesen Jahres wird die Verfilmung des Romans in die deutschen Kinos kommen. Ich bin sehr gespannt, die Bildgewalt des Trailers beeindruckt mich schonmal sehr…

Trailer „Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger





David Benioff – “Stadt der Diebe”

10 11 2012


Leningrad im Kriegswinter 1942. Die Nazis belagern die Stadt, Hunger und die Angst vor dem nächsten Bombenangriff beherrschen das Leben der ausgezehrten Menschen, die noch in ihr wohnen. Unter ihnen sind auch der siebzehnjährige schüchterne Lew und seine Freunde. Eines Nachts wird Lew beim Plündern der Leiche eines deutschen Soldaten erwischt und landet im Gefängnis. In seiner Zelle lernt er den ein paar Jahre älteren, draufgängerischen und daueroptimistischen Deserteur Kolja kennen. Und obwohl beide für Ihre Taten zum Tode verurteilt werden, bekommen sie noch eine Chance, ihrer Strafe zu entgehen: sie sollen ein Dutzend Eier auftreiben, damit die Tochter des Generals eine standesgemäße Torte zu ihrer anstehenden Hochzeit bekommen kann.
Lew und Kolja machen sich auf die Suche und damit auf eine skurille Reise durch Leningrad und die umliegenden Wälder.

„Stadt der Diebe“ schildert – schwankend zwischen Schwarzhumorigkeit und Empathie – die Schrecken und Nöte während der Belagerung durch die Deutschen und die Macht einer Freundschaft zwischen zwei Menschen, die unterschiedlicher nciht sein könnten und durch Iihre Not zusammengeschweißt werden. Nicht nur die Hauptfiguren, sondern auch die Nebencharaktere werden mit viel Liebe zum Detail und Feinfühligkeit gezeichnet.
Leider verliert die Geschichte im Laufe der Zeit ein wenig an Fahrt, das letzte Drittel des Buches fand ich bedauernswerterweise recht zäh. Schade, denn sowohl die agierenden Charaktere, als auch Story und Schreibstil haben mir sehr gefallen.
Es handelt sich hierbei auf jeden Fall um eine völlig andere Opa-erzählt-vom-Krieg-Geschichte, die sehr lesenswert ist!





Neil Gaiman – “Coraline”

10 11 2012


„Ihr Menschen habt Namen. Das kommt daher, weil ihr nicht wisst, wer ihr seid.
Wir Katzen wissen, wer wir sind, deshalb brauchen wir keine Namen.“

der namenlose Kater in „Coraline“


Neil Gaiman ist für mich ein Meister der subtilen Fantasy und wirklich der Autor schlechthin, wenn es um märchenhaft-düster gesponnene Geschichten zum Thema Parallelwelten geht.
So ist „Coraline“ zwar eher ein Buch für unerschrockene Kinder und Jugendliche aber auch Erwachsene Gaiman-Fans haben an diesem Buch ihre Freude.

Coraline zieht mit ihren Eltern in ein altes Haus in einer einsamen Gegend – die optimale Kulisse für eine schaurig-schöne Fantasie-Reise. Coralines neue Nachbarn sind allesamt etwas skurril, ein schwarzer, streunender Kater scheint sie zu verfolgen und eine verschlossene Tür in der neuen Wohnung weckt die Neugier des Mädchens.
Denn hinter dieser Tür steckt eine Parallelwelt, in der der Kater plötzlich sprechen kann und Menschen statt Augen Knöpfe haben. Auch ihre Eltern sind dort. Oder sind es gar nicht ihre richtigen Eltern? Plötzlich kann Coraline nicht mehr zurück in Ihre wirkliche Welt und ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt…

Gaiman hat mit „Coraline“ eine kleine literarische Parallele zu Lewis Carrolls Welt hinter dem Spiegel erschaffen und das Mädchen Coraline erinnert an eine moderne Alice im düsteren Gewand.

Für Kinder ist „Coraline“ vielleicht wirklich etwas zu düster, aber für Erwachsene mit einem Hang zu schaurigen Fantasy-Geschichten und einer Schwäche für Kinderbücher (wie ich sie halt nun einmal habe) ist die Geschichte durchaus lesenswert!





Simon Beckett – “Tiere”

30 10 2012


Nigel ist ein wenig zurückgeblieben und führt ein relativ einsames Leben. Er wohnt in einem stillgelegten Pub, der einst seinen Eltern gehört hat. Er schaut gerne Trickfilme und liest gern Comics. Er hat einen anspruchslosen Bürojob und ist meist gut gelaunt. Und in seinem Keller hält er heimlich Menschen in einem Verlies gefangen.

Soweit. Sogut.

Das war es dann aber auch schon und wer meine obige Zusammenfassung gelesen hat, kann sich das Lesen des ganzen Buches sparen, denn mehr kommt da leider nicht. Wer eine tiefenpsychologische Abhandlung über menschliche Abgründe erwartet, wird bitter enttäuscht. Wer sich tiefe und vielschichtige Charaktere erhofft, sucht hier leider vergeblich. Und der Spannungsbogen verkümmert mit jeder weiteren Seite ein Stückchen mehr vor lauter unwesentlichem Geschwafel, bevor er auch nur die Chance hat sich aufzubauen.
Die Story wirkt platt, ohne jeglichen Tiefgang. Man erfährt leider – trotz mehrerer Rückblenden in seine Kindheit und Jugend – weder Gründe für Nigels gestörtes Verhältnis zu seinen Mitmenschen noch erschließt sich dem Leser, warum die Kellerinsassen nicht einen einzigen Fluchtversuch unternehmen. Die Geschichte wirkt unlogisch, nicht zuende gedacht und unausgegoren.
Definitiv ist „Tiere“ eins der schlechtesten Bücher, die ich je gelesen habe.

Leider habe ich seit „die Chemie des Todes“ kein wirklich gutes Buch mehr von Simon Beckett gelesen. Auch „Obsession“ und „Kalte Asche“ fand ich eher enttäuschend.
Ob ich mir weitere Bücher von ihm vornehmen werde, ist mir momentan noch unklar, ich werde mich aber auf jeden Fall dann auf die David-Hunter-Reihe beschränken.